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"Gemeinsam Leben 2022"

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Download this file (mestermacher.pdf)Pesse Clipping[ ]3854 kB2022-03-18 08:37

mestemacher Großbäckerei Mestemacher in Güterloh verleiht im Hotel Adlon in Berlin den Preis “GEMEINSAM LEBEN” 2022


an vier Gewinner: Großfamilie Reiche, Verein „Zeit für Zukunft – Mentoren für Kinder e.V.“, Verein „LebensAlter e.V.“ und Genossenschaft „Nachbarschaftlich Wohnen in Dormagen eG”. Initiatorin ist die Gesellschaftergeschäftsführerin Prof. Dr. Ulrike Detmers.
Jedes Projekt erhält 2.500 € als Unterstützung.
(V.l.n.r.): Albert Detmers, Dr. Kathrin Sachse, Bergith Heydekamp, Inga Steil, Isabell Remus, Prof. Dr. Ulrike Detmers, Dr. Birgitt Reiche, Helma Detmers, Fritz Detmers. Fotohinweis: Thomas Fedra

Wir freuen uns, dass wir mit unserem Projekt gesehen und bestärkt werden. Der Preis ist für uns ein Ansporn, unsere Idee von einer friedlichen und solidarischen Gemeinschaft weiterzuentwickeln. Im Kleinen versuchen wir ein Lebensmodell zu verwirklichen, das im Großen leider gerade in Frage gestellt wird: das friedliche und kooperative Zusammenleben.
Während wir hier im Hotel Adlon feiern, kommen ganz in der Nähe am Hauptbahnhof Tausende an, denen Putins Angriffskrieg alles bis auf das nackte Leben genommen hat. Sie fliehen vor Gewalt und Zerstörung in eine ungewisse Zukunft.

Das Motto des Mestemacher Preises lautet „Gemeinsam leben“. Dass dieses in Zukunft für alle möglich ist, daran möchte ich jetzt besonders glauben.
Danke!

Bild 1 = Helene Rettenbach, die die Laudatio hielt (siehe Anhang).
Bild 2 = die sympathischen Frauen vom Wohnprojekt NAWODO (Nachbarschaftliches Wohnen in Dormagen.
Bild 3 = Bergith Heydekamp (LebensAlter e.V.) überreicht das Gastgeschenk, ein hessisches Kulturgut: Äppler & Handkäs mit Musik.

 

Laudatio von Helene Rettenbach für LebensAlter e.V.
vorgetragen am 11.3.2022 bei der Verleihung des Mestemacher Preises im Hotel Adlon Kempinski Berlin -

Guten Tag meine Damen und Herren. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich gebeten worden eine Laudatio zu halten. Das hat mich überrascht und gefreut - vor allem auch deshalb, weil mit dem Projekt, das heute mit dem Mestemacherpreis GEMEINSAM LEBEN ausgezeichnet wird, vor fast 30 Jahren meine berufliche Tätigkeit als Beraterin und Moderatorin für Gemeinschaftliches Wohnen begonnen hat. Inzwischen habe ich viele Projekte kennengelernt. LebensAlter ist aber für mich nicht nur deshalb ein Besonderes geblieben. Zum einen wegen der vielfältigen Aktivitäten, für die das Wohnprojekt die heutige Ehrung mehr als verdient hat. Zum anderen aber auch, weil es in der Projektentwicklung ein beispielloses Durchhaltevermögen bewiesen hat. Deshalb zu Beginn in der gebotenen Kürze ein paar Momentaufnahmen aus der Entstehungsgeschichte: 1994: Ein Freundeskreis in einer Kleinstadt zwischen Wiesbaden und Frankfurt tauscht sich darüber aus, wie man sich das Leben im Alter vorstellt: "So wie die Eltern jedenfalls nicht!" Die Alternative zum Altersheim oder dem Einpersonenhaushalt im Einfamilienhaus heißt 'Alt und Jung in einer selbstgewählten und selbstorganisierten Hausgemeinschaft'. Weil die Gruppe nicht selbst bauen kann und will, braucht sie aber nicht nur ein Haus, sondern auch ein Wohnungsunternehmen als Bauherrn und Vermieter. Ganze 18 Jahre dauert es, bis 2013 schließlich 19 Wohnungen in Ginsheim am Rhein bezogen werden können. Mit wieviel Arbeit und Frustration aber auch mit wie vielen interessanten Begegnungen und schönen Erlebnissen dieser Prozess verbunden war, das können heute noch sechs "Standhafte" aus der ursprünglichen Kerngruppe erzählen. Das tun sie aber selten. Viel zu sehr sind die 25 Bewohnerinnen mit dem beschäftigt, was die Hausgemeinschaft zu einem Gemeinschaftlichen Wohn-Projekt, so wie ich es verstehe. Im Unterschied zu einer guten Nachbarschaft haben sich die Bewohnerinnen auf verbindliche Ziele geeinigt und zu einem Verein zusammengeschlossen. In den Leitlinien von LebensAlter eV. finden sich zum Beispiel Begriffe wie Verantwortung, Selbstbestimmung, demokratische Organisation, soziale Einbindung und ökologische Ausrichtung. Und anders als in den meisten anderen Wohnanlagen gibt es auch einen Gemeinschaftsraum, den alle Haushalte gemeinsam finanzieren und verwalten. Das ist bei LebensAlter eine normale 2 Zimmer-Wohnung, deren Bedeutung für das Projekt ein Bewohner treffend mit "Saal der Seele" beschrieben hat. Dort findet - wenn nicht gerade Pandemie ist - eine Vielzahl von Aktivitäten statt: Beim monatlichen Hausforum wird diskutiert und gemeinsam entschieden, beim Hausfrühstück oder in der Suppenküche zusammen gegessen. Man trifft sich zum Fernsehen, zum Singen oder Shiatsu. Und natürlich gibt es jede Menge Anlässe zum Feiern. Für Einsamkeit ist da wenig Platz, für Engagement gibt's dagegen jede Menge Möglichkeiten.

Und das richtet sich bei LebensAlter nicht nur auf die Hausgemeinschaft selbst, sondern mischt auch in der Gemeinde mit 9000 Einwohner*innen kräftig mit. Aus der Vielzahl der Initiativen, mit denen das Wohnprojekt sozusagen über sich selbst hinauswächst, will ich nur einige Highlights herausgreifen: Schon seit 2014 - also kurz nach dem Einzug - engagiert sich die Gruppe in der Flüchtlingsarbeit mit Deutschkursen, Patenschaften und öffentlichen Veranstal- tungen. 2016 initiierte sie den „Garten der Vielfalt“, der Einheimischen und Zugewanderten nicht nur Anbauflächen für Obst und Gemüse, sondern auch interkulturelle Begegnungsmöglichkeiten bietet. Beim Blühacker, einem Biotop für Vögel und Bienen oder im Repair-Café arbeitet LebensAlter mit anderen Vereinen im Ort zusammen. Das neueste Projekt heißt "Radeln ohne Alter" - Ein Fahrdienst mit Elektrorikscha für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Ansprechbar ist LebensAlter auch immer, wenn es darum geht, Netzwerke aufzubauen oder von den eigenen Erfahrungen zu erzählen, damit neue Wohninitiativen nicht immer noch 18 Jahre von der Idee bis zum Einzug brauchen. Dem Einsatz solcher Pioniere ist es zu verdanken, dass es heute in Deutschland auch außerhalb der Großstädte immer mehr Wohninitiativen gibt. Besonders diejenigen, die ihr Projekt "von unten" entwickeln, also zunächst ohne Partner und mit begrenzten Mitteln selbst organisieren müssen, brauchen immer noch viel Mut. Eine Würdigung wie der Mestemacher Preis ist ein solcher Mutmacher. Herzlichen Glückwunsch und weiterhin alles Gute.